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„Zeige deine Wunden“

Nun hat sie es uns gezeigt: Auch unsere modere Welt ist verwundbar: Die Corona-Pandemie. Lange haben wir gemeint, wir seien unverwundbar. War es vielleicht doch ein Trugschluss? Wir suchten alles zu perfektionieren. Die Technik, die Industrie, die Wirtschaft, die Bildung und das Gesundheitswesen. Auch den Haushalt und den Alltag. Doch jetzt plötzlich diese Wut, Empörung und die Unsicherheit, wie es weitergehen soll. Offen gesagt, wir fühlen uns ziemlich ohnmächtig. Wir sind verletzlich geworden mit einer offenen Flanke und Wunde. Über allem sitzt uns die Angst vor dem Tod im Nacken. Dieser Angst können wir nicht entgehen. Sie ist ein Grundgefühl menschlicher Existenz. Wie aber werden wir damit fertig? Sollen wir sie überspielen? Oft tun wir es mit einer falsch verstandenen Sicherheit. Dennoch, die wunde Stelle bleibt. Ein unsichtbarer Virus hat sie uns beigebracht. Dennoch: Es gibt Hoffnung. Vom Wahn der Unverwundbarkeit hat uns einer erlöst. Einer, der sich für uns tödlich verwunden ließ. Seine Todeswunden, seine offenen Flanken, zeigt er als Auferstandener den Seinen. Gott macht sich verletzlich. Wie kann das sein, dass Gott so ist? Anstatt andere zu verwunden, wie es viele Machtmenschen dieser Welt taten und tun, lässt er sich verwunden. Er geht denen nach, die verwundet sind. Er will ihr Leid mittragen. So heilt er die wunden Stellen der Menschheit und die Wunden der Schöpfung. Diese Wunden sind eingeprägt in seinen Auferstehungsleib, wie die fünf roten Nägel in die Osterkerze. Er fordert sogar dazu auf, sie zu berühren. Es ist die Geschichte mit dem ungläubig-gläubigen Thomas. Ist es nicht auch unsere Geschichte?  Mehr noch: „Die Christenheit hat in dieser österlichen Wunde ihren Ursprung. Die Kirche ist aus der Seitenwunde Jesu hervorgegangen. Da also kommen wir her. Die Todeswunde Jesu, unser Ursprung.“, so der verstorbene Bischof von Limburg, Franz Kamphaus. Seitdem haben wir Christen unsere Wunden nicht zu verbergen, auch die nicht, die wir anderen geschlagen haben. Operierte zeigen gerne ihre Wunden. Es ist menschlich, Wunden zu haben. Doch zu den eigenen Wunden zu stehen, das macht feinfühlig und empathisch für andere. Wir können dann leichter die Wunden anderer mittragen. Wir können sogar mithelfen, sie im Namen Jesu zu heilen. Ja, dieser Virus hat uns alle verwundet, manche sogar tödlich. Die Angst vor dem Tod wird zwar bleiben. Aber im Blick auf den österlichen Christus ist sogar unsere Todeswunde geheilt. Sie wird verwandelt in die Schönheit eines unverwundbaren neuen Lebens.

Pfr. R. Distler