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Ein Missionar entführt nach Afrika

Pater Josef Gerner erzählt aus seinem Leben

 

Bis auf den letzten Platz besetzt war am vergangenen Freitag das Meckenhausener Pfarrheim. Groß war das Interesse an den Erzählungen von Pater Josef Gerner, der in den nächsten Tagen seinen Heimaturlaub beendet und nach Afrika zurückkehrt. Fesselnd erzählte er von wichtigen Stationen seines Lebens. Josef Gerner, der den Comboni-Missionaren angehört, hat mittlerweile über 36 Jahre seines Lebens in Afrika verbracht, um dort die Menschen in der Weitergabe des Glaubens zu unterstützen. Die meiste Zeit verbrachte er davon in Uganda, in einem von Bürgerkrieg gezeichneten Land. So durfte Albert Hofbeck, der den Vortrag mit initiiert hatte zahlreiche Gäste aus nah und fern begrüßen, bevor er das Wort an Pater Josef übergab.

Dieser betonte zunächst, dass er gerne auch zuhause ist, weil „dahoam ist einfach dahoam“. Eigentlich wollte der rüstige 82jährige nie von Meckenhausen weggehen, fühlte sich als Kind im heimischen landwirtschaftlich geprägten Umfeld wohl. Trotzdem ließ er sich dann doch überreden ins Internat nach Ellwangen zu gehen um dort Abitur zu machen. Auch ins darauf folgende Noviziat wollte er eigentlich nicht gehen und ließ sich von der Aufforderung „Du bleibst!“ beeindrucken und überreden. So machte er weiter und wurde nach seinem Theologiestudium in Bamberg dort auch am 19. März 1962 zum Priester geweiht. Seinen Primiz-Gottesdienst feierte er eine Woche später in seiner Heimatpfarrei Sankt Martin in Meckenhausen. Das liegt nun 55 Jahre zurück. Er selbst bezeichnet sich als „störrischen Menschen“, der auch hin und wieder Anschubser von „Oben“ gebraucht hatte, denn immer wieder plagten ihn auch Zweifel, ob es auch der richtige Werdegang für ihn sei. Nach seiner Priesterweihe war er 9 Jahre lang als Erzieher im Missionsseminar St. Paulus und Lehrer am Gymnasium in Neumarkt tätig. Dann sollte es nach Südafrika gehen, was aber an der dort regierenden weißen Minderheit scheiterte, die die nötigen Genehmigungen verweigerte. Gerner erklärte kurz die geschichtliche Entwicklung seines Ordens, den Comboni-Missionaren, und lieferte Informationen rund um den Ordensgründer Daniel Comboni.

Das Schicksal führte ihn dann allerdings nach Uganda, einem armen, von der brutalen Militärdiktatur Idi Amins geprägten Land. Für ihn eine sehr harte Zeit, schon die Sprachbarrieren waren für ihn zunächst ein Problem. Die Amtssprache war zwar englisch, doch seine Mitbrüder, die allesamt aus Italien stammten, unterhielten sich miteinander nur in ihrer Landessprache, dazu kamen noch zahlreiche Stammessprachen, die von der dortigen Bevölkerung gesprochen wurden. Aber Pater Gerner kämpfte sich durch und überwand diese Barrieren. Lange Zeit verbrachte er dort zunächst richtig im Busch unter einfachsten Lebensverhältnissen, bis er dort sehr krank wurde und um sein Leben kämpfte musste. Als er sich wieder erholt hatte, sollte er nach Kenia gehen, um dort eine neue Pfarrei aufzubauen. Wieder musste er neue Sprachen lernen, er traf dort auf drei verschiedene Volksgruppen, Englisch wurde nur in den Schulen gelehrt. Mit einem Mitbruder bewohnte er nur eine einfache kleine Holzhütte. Die Menschen vor Ort waren hauptsächlich Fabrikarbeiter, die unter sehr schlechten Arbeits- und Lebensbedingungen zu leiden hatten. Zu seinem Bereich gehörte auch noch weitläufiges Hinterland, dessen Bewohner wieder einem anderen Stamm angehörten und wo er nur ganz wenige Christen vorfand. Es fehlte an Strukturen und Organisation. Gerner berichtete wie skeptisch, misstrauisch und schweigsam ihm die Menschen zunächst gegenüber auftraten. Dieses Hirtenvolk rührte beim Bau von Häusern und der Schule zunächst keinen Stein an und schaute nur zu, bis er eines Tages vom Häuptling einbestellt wurde. Nachdem Gerner ihm gegenüber bekräftigte, dass er nicht vorhabe die Kinder oder die Ziegen mit zu nehmen und nicht während der Nacht die Trommel schlagen werde, beschloss der Häuptling, dass diese „Location“, wie er es bezeichnete, ab sofort der katholischen Kirche gehöre. Fortan wurde den Missionaren auch erlaubt die Kinder zu unterrichten. Mit seiner ganz besonderen Art gewann Pater Gerner schnell die Herzen der Menschen, die zwar noch nicht viel Ahnung vom Christentum hatten, sich aber dazugehörig fühlten. Viele Anekdoten hatte Gerner außerdem parat. Als er von dort wieder nach Europa zurückkehren sollte, drohte z. B. der Häuptling: „Lass sie nur kommen. Wir haben Speere!“ Eine Bandscheiben-Operation bescherte ihm aber dann die Versetzung nach Nairobi. Eine erschreckende Erfahrung für ihn, der nach der Freiheit im Busch schlimmste Lebensumstände in den Elendsvierteln vorfand. Die erste Zeit dort war für ihn nicht leicht, da er dort vor großen Herausforderungen wie Gewalt und bitterer Armut stand und sich das Leben stark von dem Leben im ländlichen Kenia unterschied. Pater Gerner war sich nicht sicher, ob er dort bleiben könnte und wollte am liebsten gleich wieder gehen. „Es war aber dann, als ob ich in das Gesicht des Gekreuzigten gesehen hätte“, so beschrieb Gerner seine ersten Erfahrungen dort und wusste von da an „hier gehörst du her!“ In dieser Zeit gründete er viele kleine christliche Gemeinschaften, dafür notwendig war viel Kontakt mit der Bevölkerung, so dass diese Zeit für ihn persönlich gekrönt war von großen Erfolgen. Besonders in Erinnerung geblieben sind ihm die Hausbesuche bei den Menschen und der Austausch mit ihnen. Gerner betonte, dass er in dieser Zeit von den Menschen dort mehr gelernt habe, wie in seinem ganzen Theologiestudium. Er berichtete aber auch von korrupten Politikern und Beamten, von einer Willkürherrschaft bei der Polizei. Einmal, als Jugendliche aus der Pfarrei von der Polizei aufgegriffen und eingesperrt worden waren weil sie sich versammelt hatten, folgte ihnen Pater Gerner auf die Polizeistation, um sich zu informieren, was überhaupt geschehen war und um den Jugendlichen zu helfen. Die Polizisten behaupteten aber, dass die Jugendlichen gar nicht auf der Polizeistation seien. Informationen erhielt er dort ebenfalls keine. Daraufhin setzte sich Pater Gerner in den Wartebereich der Polizeistation und begann, den Rosenkranz zu beten. Als andere Besucher ihn sahen und fragten, was er da tue, sagte er ihnen, die Polizisten würden Jugendliche aus seiner Pfarrei festhalten und ihn nicht zu ihnen lassen. Da fingen einige an, mit ihm zu beten, was die Polizisten so nervös machte, dass sie die Jugendlichen schließlich frei ließen. Eine Dynamik, die man nur dort erleben konnte, wie Pater Gerner ausführte. So fand er immer seine ganz eigenen, friedlichen Wege um die Menschen vor Ort zu unterstützen. Den Abschied von den Armen nach 5 Jahren beschrieb er als den schwersten seines Lebens und die Nacht im Flugzeug als die dunkelste seines Lebens. Die darauf folgenden 10 Jahre nach Zwischenstationen in den USA und in Innsbruck beschreibt er als schwierige Zeit. Er witzelte, „als Missionar war ich gut, aber als Provinzial ein völliger Versager“. Irgendwann flammte seine Sehnsucht nach Afrika – nach Uganda - wieder auf, aber dort herrschte Krieg. Im Jahr 1996 verschlug es ihn wieder dorthin. Er bezeichnet die Zustände dort als das größte Chaos, was er je erlebt hatte. Die Zeit dort war geprägt von Brutalität und Grausamkeit. Kinder wurden von Rebellen eingefangen und zu Soldaten ausgebildet. Wenn diese Kinder fliehen wollten, wurden sie einfach getötet. Diese schwierige Situation wollte er unbedingt mit den Leuten aushalten. Er berichtet von grausamen Szenarien, die sich der normale Europäer nicht einmal vorstellen kann. Von Müttern, die von den Rebellen gezwungen wurden, ihre Kleinkinder solange gegen Bäume zu schlagen bis sie tot waren, von unter 10jährigen – schwer bewaffnet – die gezwungen wurden ihre eigenen Eltern umzubringen, von Verstümmelungen usw. Diese Geschichten waren für die Zuhörer unvorstellbar und ganz schwer auszuhalten. Hunderte flüchteten sich in seine Missionsstation. Es war nicht nur eine logistische Meisterleistung alle aufzunehmen und zu versorgen, auch große Angst war mit im Spiel. So hätte es jederzeit zu Racheakten von Rebellen kommen können. Es kam außerhalb der Station immer wieder zu kriegerischen Auseinandersetzungen und Überfällen, bei denen im Laufe der Zeit auch 13 Comboni-Missionare getötet wurden. Die total verunsicherte, verängstigte Bevölkerung suchte in dieser Zeit in den Nächten Schutz und Sicherheit innerhalb der Missionsstation, die teilweise mit über 7000 Menschen hoffnungslos überfüllt war. Bemerkenswert ist, dass sich Pater Gerner trotz allem was er erlebt hat, seine positive und humorvolle Art erhalten hat. Nach 11 Jahren in der Station war für ihn die Zeit gekommen wieder etwas Neues zu wagen und zurück in den Busch zu gehen. Auch hier war er in ständiger Gefahr, berichtete von Situationen, wo er direkt in die Gewehrmündung schaute. Die Gefahren gingen hier weniger von den Rebellen aus, sondern von räuberischen Überfällen. Er berichtete von den Gegebenheiten in unvorstellbar großen Lagern, in die die Bevölkerung gesperrt wurde und von den unmenschlichen, chaotischen Zuständen dort. Gerner erzählt von Opfern, denen in der Bürgerkriegszeit Finger, Ohren und Lippen abgeschnitten wurden, die aber heute neben ihren damaligen Peinigern leben und ihnen vergeben haben. Er zeigt Bilder von ehemaligen Kindersoldaten, die durch ihr Erlebtes noch immer ganz verstört wirken und berichtet von Eltern, die ihre Kinder nicht zurück haben wollten, weil sie sich vor ihnen fürchteten. Aus diesem Grund hielt es Pater Gerner sehr wichtig, dass Pfarreien und Schulen aufgebaut wurden, damit die Menschen wieder eine Heimat finden konnten. Sein jetziges Gebiet, das aufgrund schlechter Infrastruktur kaum zu bewältigen ist, umfasst 40 Außenstationen. Trotzdem entwickelten sich hier lebendige Gemeinschaften und ehemalige Kindersoldaten konnten wieder in die Gesellschaft integriert werden. Sehr stark ist bei den Menschen dort die Sehnsucht nach Stabilität, Geborgenheit und Heimat. Sein Motto ist dabei immer die Hilfe zur Selbsthilfe. So machen die Menschen dort alles selber, brennen Ziegel und bauen Gebäude auf. Der Bau von Schulen wird inzwischen von der Regierung unterstützt. In den Ruhestand gehen, möchte Pater Gerner noch nicht. Es zieht ihn wieder nach Afrika. „Man spürt dort die lebendige Kraft, die aus den Menschen kommt“, betont er. Mit vielen eindrucksvollen Bildern, die auch die Lebensfreude der Menschen widerspiegelten, brachte er den afrikanischen Kontinent und seine Arbeit ins Meckenhausener Pfarrheim. Im Anschluss an seinen sehr beeindruckenden und interessanten Vortrag bestand noch die Möglichkeit, Fragen an Pater Josef Gerner zu stellen, bzw. in geselliger Runde mit ihm noch einige Worte zu wechseln. Albert Hofbeck bedankte sich für den informativen Vortrag und stellte heraus, dass es unglaublich sei, was er alles geleistet hat und konnte für seine weitere Arbeit noch über 2.000 Euro an Spenden übergeben.