Gedanken zum Beginn der Fastenzeit

Fastenzeit, so nennt man die 40 Tage auf dem Weg nach Ostern. Da denkt jeder sofort an das sich Einschränken und Abnehmen. Aber Fastenzeit, das ist eher ein Mehr statt dem Weniger. Natürlich auch mal als „Wohlstandskinder“ etwas weniger essen. Auf die Pfunde achten: Mehr Gemüse, weniger Zucker, Kohlehydrate, Alkohol, Süßes und Leckerleien. Aber auch mehr zuhören und weniger reden. Mehr Achtsamkeit und Wachsamkeit gegenüber allem, was dem andern guttut.

Warum nicht auch mal ein Lächeln schenken, einen Brief schreiben oder einen freundlichen Gruß erwidern? Einen Blumenstrauß, einen Krankenbesuch, eine spürbare Gabe für Bedürftige und Arme, für Misereor und Brot für die Welt. Mehr Dankbarkeit und weniger Jammern, mehr Nachdenken und weniger Kritisieren. Das Miteinander pflegen. Das Leben als Geschenk sehen. Andere und Gott um Verzeihung bitten.

Auch mal mit wachsamen Augen durch den kommenden Frühling gehen: Ein lustiges Spiel mit Kindern. Den Körper bewegen und mit ihm die Seele. Einen längeren Spaziergang machen. Ein Auge haben für die ersten Blumen am Wegrand. Die ersten Blüten und Bienen im Garten sehen und dem munteren Zwitschern der Vögel lauschen. Wie herrlich ist doch die Schöpfung und sein Schöpfer!

Vielleicht auch mal etwas weniger arbeiten statt nur zu schuften. Auf das Tempo beim Autofahren achten und den Lebensrhythmus entschleunigen.

All das ist ein Geschenk der Fastenzeit: Weniger kann auch mehr sein. Körper und Seele brauchen wieder geistliche Nahrung: Es ist die Stille und das Schweigen allein in einer Kirche, das persönliche Gebet für eigene Anliegen und für die der anderen, die mein Gebet dringend brauchen. Es ist das Auffrischen der Gottesbeziehung und der Gottesdienst sonntags oder werktags- Es sind auch viele geistliche Anregungen, die die Kirchen und Pfarreien in diesen heiligen 40 Tagen der Quadragesima anbieten.

Aber auch die Frage: Wer bin ich eigentlich? Bin ich nur ein Gejagter, Gestresster und Gehetzter oder kann ich auch meine Seele nachkommen lassen? Wie kann ich wieder zu mir selbst und zu Gott finden? Ja, vor uns liegt eine heilige Zeit! Staunenswert! Was für eine Freude! Was für ein Geschenk für jeden von uns auf unserem Weg nach Ostern!

Richard Distler, Pfr. i.R.