Man schrieb den 1. November im Jahr 1950. Da hat der Papst mit der Kirche etwas total Modernes getan. Es war die Zeit nach dem Desaster des 2. Weltkriegs mit Millionen von Toten. Da betonte die Kirche wieder die Würde und die Schönheit des menschlichen Leibes.
Es war vor allem die Jugend, die auf das Dogma von der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel begeistert reagierte. Da wurde den jungen Leuten und der ganzen Welt bewusst: Himmel heißt: Gott hat Platz für jeden Menschen, auch für dich und mich: Erst recht hat er Platz für Maria, die Mutter Jesu Christi.
Aber warum durfte sie nicht nur seelisch, sondern auch leiblich bei Gott sein? Dies deshalb, weil von uns und auch vom Leben Mariens mehr übriggeblieben ist als nur Asche.
Auch noch nach dem Tod bleiben Leib und Seele engstens verbunden. Wenn wir sterben, wird kein einziges Stückchen von der Seele aus dem Leib herausgerissen, auch wenn der tote Körper der Asche oder der Erde übergeben wird. Denn bei Gott wird alles aufgehoben, was wir auf dieser Welt mit Leib und Seele, mit Herz und Verstand, mit Liebe und Hingabe getan haben. Nichts davon geht verloren. Nichts ist sinnlos und umsonst. Unsere ganze Existenz wird für immer aufbewahrt wie ein kostbarer Schatz in den Händen Gottes.
Deshalb wird am heutigen Hochfest auch das Leibliche an Maria so hervorgehoben. Der Grund ist: Ihr Leib hat Jesus in ihrem Schoß empfangen, sie hat ihn genährt und uns mit ihrer fraulichen Lebens- und Liebeskraft den Urheber des Lebens geboren. Deshalb ist das heutige Hochfest ein Fest großer Freude. Maria selbst besingt diese Freude heute im Magnifikat: „Hochpreise meine Seele den Herrn!“
Denn menschliches Leben ist etwas Schönes und unendlich Kostbares. Wird uns das nicht besonders bewusst, wenn man ein zartes Neugeborenes in den Armen hält oder wenn man es zur Taufe bringt?
Verdient nicht auch schon das Leben eines Tieres Aufmerksamkeit, Pflege oder Rettung? Umso mehr verdient das ganz junge, aber auch das alternde Leben unsere Liebe, Hingabe u. Fürsorge.
Vielleicht ist menschliches Leben wie ein bunter Blumenstrauß mit frischen und mit verwelkenden Blüten. Ein Sinnbild dafür ist der Kräuterbüschel, der am 15.8. gesegnet wird. Er besagt: In der faszinierenden Schönheit der Kräuter, aber auch in der Schönheit unseres Leibes erahnen wir etwas von der Schönheit des Himmels und der Herrlichkeit Gottes. In diese Herrlichkeit wurde Maria aufgenommen, aber auch uns blüht eine solche Zukunft mit ihr und allen Heiligen.
Richard Distler, Pfr. i. R.
