Lassen Sie mich beginnen mit einer Erinnerung an meine Kindheit: Wenn mein Vater mit der Getreideernte begann, machte er aus dem ersten Sensenschnitt mit Halmbüscheln ein Kreuz. Er wollte damit dem Schöpfer danken für das Geschenk der Ernte. Für uns Kinder war damals die Ernte, anfangs noch mit Sense und Sichel, sehr mühsam. Erleichterung gab es dann mit Mähmaschinen, Bindemähern und Mähdreschern. Heute aber bemerken viele von der Ernte erst dann etwas, wenn die Felder leer sind oder wenn vor uns ein Traktor mit Getreideanhänger fährt. Ist aber die Ernte nur Sache der Bauern? Keineswegs. Hat uns nicht alle die starke Trockenheit schon im Juni ängstigen lassen, ob es wohl zu einer Reifung der Ähren und der Maiskolben kommen wird? Wenn auch der Krummet-Schnitt für das Auffüllen der Silos ausfiel, so ist doch alles in etwa gut gegangen.
An diesem Sonntag feiern die Welt und die Kirche das Erntedankfest. Aber wofür möchten Sie und ich danken? Ist es nicht für uns selbstverständlich, dass die Supermärkte und Tankstellen gefüllt sind? Nein, das ist es nicht. Wir merken es erst, wenn Mangel herrscht oder das Benzin knapper werden sollte. Deshalb bin ich vor allem gegen die zunehmende Unzufriedenheit, die sich vielfach bei uns breit macht. Können wir eigentlich noch dankbar sein? Schon im Alten Testament (Dtn 8,7 ff.) heißt es: „Wenn der Herr, dein Gott, dich in ein prächtiges Land führt mit Weizen und Gerste, mit Weinstock und Honig, dann nimm dich in Acht und vergiss den Herrn deinen Gott nicht.“ Es ist jene Dankbarkeit, an die uns an diesem Sonntag die Liturgie der Kirche erinnert und die mein Vater beim ersten Sensenschnitt seinem und unserem Schöpfer erwiesen hat.
Richrd Distler, Pfr. i. R.
